Der menschliche Körper ist ein sozialer Gegenstand: Gesellschaftliche Strukturen, Prozesse und Diskurse schreiben sich in den Körper ein, formen ihn und prägen, wie Körper betrachtet und behandelt werden. Daneben wird soziale Wirklichkeit auch in körperlichen Praktiken produziert und leiblich erlebt. Das Team an der Juniorprofessur Körpersoziologie untersucht diese doppelte Verkörperung von Gesellschaft.
Am Arbeitsbereich Körpersoziologie forschen wir theoretisch und empirisch zu sozialen Phänomenen mit Bezug zu Körpern und Körperlichkeit. Theoretisch sind wir v. a. praxistheoretisch orientiert und kombinieren dies mit situationistischen, interaktionistischen und diskurstheoretischen Ansätzen. Unsere empirische Forschung ist qualitativ ausgerichtet. Wir verfolgen insbesondere ethnografische Forschungsstrategien, die wir mit diskurs- und subjektivierungsanalytischen Zugängen verknüpfen. Unsere Forschung verbindet körpersoziologische Fragestellungen mit Ansätzen der Wissenssoziologie und der Humandifferenzierungsforschung.
Die Juniorprofessur ist an den DFG Sonderforschungsbereich 1482: Humandifferenzierung und den Profilbereich Georg Forster-Forum (GFF) angegliedert.
Neben den laufenden Drittmittelprojekten findet die Forschung auch in den am Arbeitsbereich betreuten Dissertationsprojekten statt.
Menschen mit Behinderungen werden sozial häufig aus dem Feld der Sexualität exkludiert. Ihr Begehren und der gesellschaftliche Umgang damit werden in sozialpädagogischen und aktivistischen Diskursen entsprechend auch als ‚behinderte Sexualität‘ (im Sinne einer gesellschaftlich verhinderten Sexualität) problematisiert. Das Teilprojekt analysiert sexualpädagogische Beratungs- und Begleitungsangebote für Menschen mit Behinderungen als ein Feld „sexueller Humandifferenzierung“, das auf diesen Umstand reagiert. Es fragt aus wissenssoziologischer Perspektive, wie in sexualpädagogischen Diskursen und Praktiken Sexualität als Fähigkeit produziert wird und wie dies mit der Kategorisierung von Körpern und Personen als ‚behindert‘ oder aber mit einem Undoing Disability gekoppelt ist. Dafür werden die Produktion, Vermittlung und Anwendung von verschiedenen Formen sexualitäts- und behinderungsbezogenen Wissens ethnografisch sowie diskursanalytisch untersucht.
Das Projekt setzt bei dem Umstand an, dass Humankategorien nicht nur wahrgenommen, sondern auch zum Gegenstand reflexiver Selbstverhältnisse gemacht werden können. Es untersucht Prozesse reflexiver Humandifferenzierung am Fall geschlechts- und sexualitätsbezogener Selbst-Problematisierungen. Es richtet seinen Fokus dabei auf Selbstverortungen, die die Betroffenen selbst als brüchig oder unpassend erleben. Es analysiert, wie Individuen in Auseinandersetzung mit kulturellen Normen, institutionellen Diskursen und sozialen Erwartungen ihre Zugehörigkeit zu geschlechtlichen und sexuellen Kategorien problematisieren – sei es im Zuge körperlicher Einschränkungen, kategorialen Unbehagens oder der Suche nach „passenden“ Identitäten. Das TP untersucht drei Konstellationen: (1) die Sexualberatung und -therapie als individuellen Reflexionsraum, (2) Peer-Gruppen als kollektiven Aushandlungskontext sowie (3) digitale Diskursräume als transsituativen Rahmen kategorialer (Re‑)Formierungen. Es zeichnet nach, wie Zugehörigkeiten nicht nur erlernt oder zugeschrieben, sondern auch reflexiv bearbeitet werden.
Aufgabe des Projekts ist die Entwicklung und Durchführung von Formaten einer responsiven Wissenschaftskommunikation für den Sonderforschungsbereich 1482: Humandifferenzierung. Das Teilprojekt begleitet Forschungsprozesse und arbeitet deren Ergebnisse auf, um sie öffentlich kommunizierbar zu machen. Es etabliert mit Podcasts und lokalen Gesprächsrunden Formate für die Kommunikation mit außerwissenschaftlichen Öffentlichkeiten. Darüber hinaus beobachtet und analysiert es die Öffentlichkeitswirkungen des SFB und führt sie einer internen Resonanzanalyse zu. Damit trägt es zur Selbstreflexion des SFB und der Optimierung seiner öffentlichen Kommunikation bei.
Das Projekt führt das Konzept einer responsiven Wissenschaftskommunikation fort und erweitert es um die Leitidee von Resonanzräumen: Begegnungsformate, in denen wissenschaftliche, künstlerische und alltagsweltliche Wissensformen in Austausch treten. Ein Akzent liegt auf dialogischen und partizipativen Begegnungsformaten jenseits des akademischen Raums. In Kooperation mit Bildungseinrichtungen sowie mit Kunst- und Kulturinstitutionen werden Themen der Humandifferenzierung sinnlich, diskursiv und ästhetisch erfahrbar gemachen. Eingeladene künstlerische Fellows
und regionale Partner:nnen gestalten dabei mit dem SFB Formate zwischen Performance, Diskussion und Workshop. Die Ergebnisse dieser drei Handlungsfelder – Medienformate, Bildungsarbeit, künstlerische Kooperation – münden in eine zweisprachige, multimediale Online-Publikation, die als digitale Plattform Resonanzräume dokumentiert, reflektiert und international zugänglich macht.
Die VolkswagenStiftung fördert den Scoping-Workshop „Qualitative Sozialforschung lehren: Perspektiven für die Zukunft“ mit 31.000 Euro. Der unter der Federführung von Tobias Boll gemeinsam mit dem Vorstand der Sektion „Methoden der qualitativen Sozialforschung“ in der DGS eingeworbene Workshop hat zum Ziel, die Lehre qualitativer Methoden als einen zentralen Aspekt der adäquaten Ausbildung zukünftiger Generationen von Sozialwissenschaftler:innen zukunftsfähig zu machen.
Jüngste und zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen wie u. a. die Digitalisierung oder eine Erosion des Vertrauens in die Wissenschaft, aber auch institutionelle und strukturelle Veränderungen der Hochschulbildung machen eine intensive Reflexion und Neubewertung des aktuellen Stands und der Herausforderungen für die qualitative Methodenlehre notwendig.
Der Workshop versammelt dafür einschlägig ausgewiesene Expert:innen aus verschiedenen Bereichen des Felds der qualitativen Sozialforschung und Methodenlehre. Ihr Ziel ist es, gemeinsam Zukunftsszenarien für die qualitative Methodenlehre zu entwickeln, nötige Re-Orientierungen zu identifizieren und Wege zu deren Realisierung anzudenken. Sie tun dies in einem moderierten partizipativen Prozess, in dem sie standort- und paradigmenübergreifend Perspektiven entwickeln. Die Ergebnisse werden in einem Positionspapier publiziert, das als Dokument mit fachgebietsweiter Strahlkraft in die künftige Diskussion und Realisierung qualitativer Methodenlehre hineinwirken soll.
Wir bieten Lehrveranstaltungen im Bachelor- und Masterstudiengang an. Das Spektrum reicht von Grundlagen und vertiefenden Veranstaltungen der Körpersoziologie über gegenstandsbezogene Seminare und Methodenveranstaltungen im Bereich der qualitativen Sozialforschung.
Daneben bieten wir das Kolloquium Körpersoziologie an, in dem laufende Qualifikationsarbeiten am Arbeitsbereich betreut werden und Gäste Gelegenheit haben, ihre Forschung zu diskutieren.
Bachelor
- Seminar: Soziologie des Selbst
- Seminar: Grundlagentexte der Körpersoziologie
Master
Abschlussmodule BA und MA
Bachelor
- Vorlesung: Einführung in die Körpersoziologie
- Seminar: Corporeal Orders: Embodiment, Social Difference, and Inequality
Master
Abschlussmodule BA und MA
Bachelor
Master
Abschlussmodule BA und MA
Bachelor
Master
Abschlussmodule BA und MA
Bachelor
Master
Abschlussmodule BA und MA
Bachelor
- Vorlesung: Einführung in die Körpersoziologie
Master
- Kolloquium: Das Spektrum der Mainzer Soziologien
Abschlussmodule BA und MA
Bachelor
- Seminar: Soziologie der Behinderung
- Seminar: Körpersoziologie
Master
- Kolloquium: Das Spektrum der Mainzer Soziologien
Abschlussmodule BA und MA
Wenn Sie eine Abschlussarbeit am Arbeitsbereich Körpersoziologie schreiben wollen, melden Sie sich bitte ein Semester vor geplanter Anmeldung der Arbeit mit einem Themenvorschlag bei uns.
- Für eine Abschlussarbeit im Sommersemester bis zum 15. Februar
- Für eine Abschlussarbeit im Wintersemester bis zum 15. August
Wir prüfen zunächst, ob eine Betreuung an unserem Arbeitsbereich in Frage kommt. Das hängt von unseren Kapazitäten und der inhaltlichen und methodischen Passung zu unserem Arbeitsbereich ab.
Im Anschluss entwickeln Sie Ihre Themenidee mit unserer Beratung zu einem ausgearbeiteten Exposé weiter.
Begleitend zur Bearbeitung Ihres Themas nehmen Sie am Kolloquium Körpersoziologie teil. Hierfür melden Sie sich bitte in JOGUStINe an. Sie stellen an (mindestens) einem Termin Ihre eigene Arbeit vor und diskutieren sie mit den anderen Teilnehmenden.